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Pep Guardiola – Spanische Imitation oder Revolution

Nun ist es tatsächlich wahr geworden. Als ich im Juni 2012 in der Sportbild die Schlagzeile gelesen hatte, dass der FC Bayern mit Barcelonas Ex- und Erfolgstrainer Guardiola verhandle, dachte ich nur was ist das für eine Medienente. Warum sollte Josep Guardiola zum FC Bayern München gehen? Er spricht kein deutsch, Bayern setzte dies aber bisher voraus. Zudem würde er woanders vermutlich netto mehr verdienen.

Dort allerdings, und mit dort sind Clubs gemeint die von Investoren oder Mäzenen gelenkt werden, muss er das Einmischen des Mehrheitseigentümers befürchten. Auch wenn einige ihm zusichern würden, dass dies nicht geschehen würde. Doch für viele ist in schwierigen Zeiten das eigene Wort nicht mehr viel wert und es wird gerne von der gemeinsamen Route abgewichen.

Die Nachricht und Entscheidung die mich gestern erreichte und sprachlos machte, ist aber absolut nachvollziehbar, für eine charakterlich einwandfreie Persönlichkeit, der es nicht vorrangig ums Geld geht.

Der FC Bayern hat mit Sicherheit das wohl seriöseste und vermutlich beste Fußballmanagement der Welt. Doch so toll sich dies auch anhört, wird der FC Bayern, grundsolide und stabil in seiner Unternehmensführung, von mächtigen Führungskräften geleitet, deren Handeln den Club zu dem gemacht hat, was er ist. Und dies schließt die sportlichen Entscheidungen der Vergangenheit mit ein.

Kann Guardiola hier wirklich ungestört arbeiten? Welche Kompetenzen wird er erhalten? Gestaltet er den sportlichen Bereich mit Sammer neu, besonders die Jugendausbildung (siehe auch Studie ECA zur Nachwuchsausbildung Fußball) und Transferpolitik, oder ist er nur für die 1.Mannschaft zuständig? Guardiola liebt junge und vor allem eigene Talente. Zumindest war dies so beim FC Barcelona, wo er mit Spielern der „La Masia“ versorgt wurde.

Guardiola gilt als Weltklassetrainer, der beim FC Barcelona auf die Creme de la Creme des Fußballnachwuchs zurückgreifen konnte, welcher er selbst entsprang. Guardiola, ein ausgeglichener, ruhiger und in sich ruhender Mensch, soll nun von diesem deutschen Club, der angeblich von sog. Alphatieren regiert wird, das Traineramt übernehmen. Einer dieser Alphatiere ist Matthias Sammer.

Analyseergebnis = Imitation?

Sammer kam Anfang der Saison mit großen Verheißungen als neuer Sportdirektor und brachte seinen persönlichen wissenschaftlichen Assistenten Dr. Karsten Schumann mit, der ihm dabei helfen soll(te) den Ist-Zustand des deutschen Rekordmeisters zu ermitteln. Auf Basis dieser Analyse sollten „Mängel“ und Optimierungsbedarf aufgedeckt werden. Die Analyse, so sei angemerkt kann sich nur auf den sportlichen  Bereich konzentriert haben, da der wirtschaftliche als exzellent zu verstehen ist und von diversen europäischen Topclubs als vorbildlich angesehen wird.

Kann es nun tatsächlich sein, dass das Ergebnis dieser langfristig angelegten Analyse im Kern bedeutet: „Wir müssen im sportlichen Bereich wie SPANIEN werden“? Erst Martinez für EUR 40 Mio. und nun Guardiola. Ein spanisches Talent und FC Barcelonas Top- & Erfolgstrainer, der einst unter Johan Cruyff spielte.

Möchte Bayern nun tatsächlich versuchen, mit Hilfe von Guardiola der deutsche FC Barcelona zu werden? Das kann doch nicht das Ergebnis der Analyse und nun Ziel des Projektes sein. Startet der bayerische Vorzeigeclub nun wirklich den Versuch einen anderen Club zu kopieren, indem er dessen Erfolgstrainer verpflichtet um somit die Spielkultur des sportlich besten Clubs der Welt zu imitieren. Es scheint als solle Bewertes von außerhalb einfach importiert werden. Doch das ist nicht der richtige Weg. Das ist zu einfallslos.

Ich mag Guardiola und freue mich irgendwie auch, dass er nun in München ist, doch bezweifle ich, dass das Kopieren der richtige Weg ist.

Es gibt einen deutschen Club der seinen eigenen neuen Weg mit einem Trainergenie eines kleineren Fußballclubs gegangen ist. Jürgen Klopp hat dem ganzen BVB eine authentische Spielphilosophie eingeimpft mit der sogar eine komplett neue Clubkultur mit unglaublicher Leidenschaft entstanden ist. Nicht zu vergessen sind hier allerdings Watzke und Zorc, die Klopp die nötige Zeit gegeben und Wünsche erfüllt haben. (Eine ausführliche Finanzanalyse & Entwicklungsdarstellung des BVB gibt es hier!)

Gemeinsam neues Schaffen?

Es kann nun durchaus sein, dass der FC Bayern dies eigentlich auch anstrebt, eine eigene und vor allem authentische Spielkultur entwickeln, und gar nicht versuchen möchte BARCA zu kopieren. Dafür könnte die Aussage von Guardiolas Berater Orobitg sprechen, dass sich Guardiola für Bayern München entschieden habe, weil dieser unter allen interessierten Vereinen das beste Projekt gewesen sei, nicht aber, so sei angemerkt, der Club der das meiste Geld geboten habe. Es geht Guardiola um die sportliche Herausforderung.

Doch passen der zukünftige Trainer und aktuelle Sportdirektor auch zusammen? Sammer wurde in den Medien immer als derjenige präsentiert, der versucht einen neuen Geist beim FC Bayern zu entwickeln. Kampfgeist & Siegeswillen waren die Schlagwörter und sollten wieder gefunden werden. Die Rede ist von dem bekannten Bayern-Gen. Doch in der Öffentlichkeit ist nur wenig darüber bekannt, wie eigentlich dieses Bayern-Gen entwickelt oder besser wieder gefunden werden kann.

Sammer & Guardiola, zwei höchst unterschiedliche Charaktere. Der eine unruhig, wild, hitzköpfig. Der andere in sich ruhend, bedacht und bescheiden. Vielleicht schätze ich Sammer falsch ein. Doch er ist in der Öffentlichkeit als Hitzkopf bekannt. Guardiola hingegen als elegant und demütig. Häufig wurde er in seiner Zeit bei Barcelona von Jose Mourinho verbal attackiert und provoziert, doch Guardiola ließ sich darauf nicht ein. Alles wurde souverän abgewehrt. Keine öffentlichen Auseinandersetzungen.

Für öffentliche Auseinandersetzungen ist Sammer nun auch nicht bekannt, dennoch fällt es mir schwer eine Zusammenarbeit von Guardiola und Sammer vorzustellen. Wenngleich auch Sammer einen gewissen Wandel seit seinem Bayern-Engagement vollzogen hat.

Unterschiede in Fußballverständnis

Denn der Unterschied ihrer beiden Fußballphilosophien liegt darin, dass Sammer den Siegeswillen einer Mannschaft am Kampfgeist bemisst. Der Sieg soll erzwungen werden. Guardiolas Barcelona hingegen strahlte eine Siegermentalität aus, die auf Spielfreude & Spielwitz beruhte. Die Liebe zum Fußballspielen kann in Barcelonas Siegermentalität erkannt und sogar gespürt werden. Dieses Team kämpft nicht, sie haben gelernt, und das schon in jungen Jahren, dass eben aus dieser Liebe zum Spiel eine solche Leidenschaft erweckt werden kann, die eine ungeheure Kraft mit sich bringt, welche zu einer enormen Dominanz führen kann.

Dazu aber, und das ist der Punkt, werden die entsprechenden Spielertypen gebraucht, die am einfachsten, oder schwierigsten (wie man es sieht) selbst entwickelt werden können. Keine Legionäre und Egoisten. Teamplayer mit charakterlicher Stärke sind von Nöten, die sich ohne Schwierigkeiten unter- bzw. einordnen. Dadurch aber nicht an ihrer Stärke verlieren. Egoisten können Partien entscheiden, doch ein Team gewinnt Titel.

Deshalb wurde auch ein Ibrahimovic nach nur einem Jahr, trotz seiner stolzen Ablösesumme wieder verkauft. Guardiola wollte ihn, beobachtete ihn und ließ ihn wieder gehen, da er nicht geeignet war für das Team.

Wir werden nun sehen, ob sich die Vorstellungen der Beiden – Sportdirektor und zukünftiger Trainer – decken, ob sie vielleicht eine gemeinsame entwickeln oder ob eines der Projekte „spanischer Import“ oder gar „Sammer als Sportdirektor“ scheitern wird. Lassen wir uns überraschen.

Sollte nach dem gescheiterten „Sommermärchen-Import“ (Klinsmann) und der „holländischen Revolution“ (Van Gaal) die „spanische Implementierung“ ebenfalls scheitern, wird es für den FC Bayern allerhöchste Zeit, eine bayerische Spielkultur zu entwickeln, die dem Motto des FC Bayern „Mia san Mia“ endlich gerecht wird.

Fazit

Meines Erachtens sollte eine bayerische Spielphilosophie entwickelt und nicht die katalanische imitiert werden, denn sonst wird der Club seinem Motto nicht gerecht. Allerdings ist vielleicht gerade dieses Projekt eine weitere wesentliche Zutat für die Entwicklung der bayerischen Spielkultur.

Denn bisher ist von allen Projekten immer etwas geblieben. Klinsmanns überragendes und höchstmodernes Trainingscenter, die Fitnesstrainer, welche zu einer Professionalisierung in der Athletikarbeit beitrugen. Klinsmann beeinflusste in seiner Zeit bei den Bayern nachhaltig die Infrastruktur. Ebenso ist Van Gaals Ballbesitz und Spiel-Vision in den Köpfen der Spieler verankert. Schweinsteiger, Müller, Badstuber, Alaba und viele mehr haben Van Gaals Spielphilosophie aufgesaugt und sich maßgeblich davon leiten lassen. Guardiolas Beitrag könnte nun sehr wertvoll sein und dem Ganzen die entscheidende Richtung geben sowie langfristig funktionieren, wenn nicht versucht wird das Erfolgsrezept des FC Barcelona eins-zu-eins zu übernehmen und/oder nicht zu starke Einmischungen aus der Spitze erfolgen. Lasst Guardiola und Sammer eine neue Spielphilosophie für den FC Bayern entwickeln. Aber es muss dazu mehr erfolgen, als nur die scheinbar beste Betreuung der ersten Mannschaft. Der Nachwuchs ist die Zukunft. Hier sollte die eigentliche Revolution ansetzen.

Ich freue mich auf Pep, seine Ausstrahlung, Erfahrung und seine Gelassenheit. Gerade letzteres wird dem FC Bayern gut tun. Bald werden wir die wahren Fähigkeiten des Trainers Pep Guardiola kennenlernen. Ich bin gespannt.

Marco Mesirca / 2013

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Eine Antwort zu “Pep Guardiola – Spanische Imitation oder Revolution

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